Ist Verunsicherung eine Seins-Frage? | Christina Baier

Das Gefühl, nicht mehr man selbst zu sein, ist vermutlich das, was uns am nachhaltigsten verunsichern kann.

Die Frage, „Wer bin ich?“ ist eine, die uns im Leben ein paar Mal einholt. In der Pubertät und der sogenannten Lebensmitte fast automatisch. Und zusätzlich oft dann, wenn uns das Leben gerade durchschüttelt. Oder wir uns durchschütteln lassen.

Kennste. Kannste nicht leiden. Erstmal. Kann eigentlich niemand leiden. Erstmal. So sind wir nicht angelegt. Wir sind auf sicher unterwegs. Als Mensch. Komfortzone und so. Eigentlich.

Und doch, in manchen Phasen des Lebens beginnen wir (uns) zu hinterfragen. Wir hinterfragen, was wir tun und an was wir geglaubt haben. Und je intensiver wir den äußeren Rahmen in Frage stellen, innerhalb dessen wir uns bewegen, desto mehr gerät das Gefühl zu uns selbst und für uns selbst in’s Wanken.

Zu wissen, wer man ist… scheint die Grundvoraussetzung zu sein, um stabil, glücklich und erfolgreich durch`s Leben zu gehen. Und solange wir wach UND bewusst sind, haben wir zumindest das Gefühl dafür, ein Ich zu SEIN. Oder zu HABEN…. So irgendwie zumindest.

Und manchmal ist das eben alles, was (noch) klar zu sein scheint.
Was uns bislang auszumachen schien, scheint in Frage gestellt. Oder wird in Frage gestellt. Seltener von anderen. Viel öfter von uns selbst. Und das löst vor allem auch eins aus, neben purer Verwirrung, nämlich das Gefühl von Kontrollverlust und Orientierungslosigkeit. Und das kann niemand besonders gut leiden.

Wie immer, wenn es einen rüttelt und schüttelt im Leben, besteht der erste Schritt raus, in der Anerkennung dessen, was ist. Was zunächst mal nichts anderes bedeutet, als etwas zu bemerken, ohne es zu werten.

Erst danach ist ein Mindshift möglich über ein Reframing.
Was nichts anderes bedeutet, als die (negative) Bedeutung, die wir etwas geben, zu verändern… allein dadurch, dass wir etwas aus einem anderen Blickwinkel betrachten, es in einen anderen Rahmen setzen.

Dem Gefühl von Ohnmacht, Kontrollverlust und Orientierungslosigkeit können wir begegnen, indem wir die Phase des „Nichtwissen wo es langgeht und was zählt“ nicht mehr als Bedrohung betrachten.

Oft ist auch das zunächst einfacher gesagt als getan. Je nachdem, wie geübt jemand darin ist, mental (mit sich selber) zu arbeiten, gelingt dieses Reframing dann auch langsamer oder schneller.

Wo der Rahmen wegzubrechen scheint und alte Grenzen und Überzeugungen sich auflösen, wird oft bedrohliche Leere empfunden. Diese nicht als Leere sondern als Raum zu denken, in dem wir die Chance haben, neues kreieren können, bringt die erste notwendige Entlastung.

Aber dies führt oft noch nicht weit genug und nicht automatisch dazu, dass jemand „wieder weiß, wer er ist“.

Die Verwirrung, die hinsichtlich der Ich-Identität entsteht, beruht vor allem auf der Vorstellung, dass wir überhaupt „jemand sind“. Ein Ich, dass uns selbst ausmacht und niemand anderen.

In meiner Welt ist das etwas anders. Die menschliche Ich-Identität ist für mich nicht „einfach gegeben“.

So wie wir sind, haben wir uns erfunden.

Allein deshalb haben wir überhaupt nur die Chance uns auch als Mensch zeitlebens weiter zu entwickeln. Persönlichkeits-Entwicklung. Merkste was?

Der Satz „So bin ich halt“, mit dem manche Menschen nicht zuletzt auch unterstreichen wollen, dass sie besonders „gefestigt“ seien, berechenbar, unverstellt, authentisch… ist für mich ein Killersatz.

Stillstand pur.

Denn er hält einen fest, wo einer immer schon gewesen ist.

Er denkt das gleiche, glaubt das gleiche, fühlt das gleiche, wie seit 100 Jahren. Also erlebt er eben auch das ewig gleiche. Wie seit 100 Jahren.

Was als vermeintlicher Vorteil erscheinen könnte, in Zeiten von Umbrüchen, wird aber zum Boomerang. Denn wenn jemand aus diesem Glaubensmuster heraus mit Veränderungen konfrontiert wird, neigt er oft dazu, mit enormer Aggression DAS zu verteidigen, was er nicht aufzugeben bereit ist aber längst „verloren“ hat – ohne Rücksicht auf Verluste. Dahinter steht IMMER auch ein Mangeldenken. Die Vorstellung es gäbe von allem grundsätzlich zu wenig.
Das Ergebnis dieser Überzeugung reicht von Kollateralschäden im Privaten bis hin zu globalen (Glaubens-)kriegen.

Also haben wir es hier mit einem Paradoxon zu tun?

Wenn einer zutiefst überzeugt ist, dass „er weiß, wer er wirklich ist“ ist es kritisch?
Genauso kritisch wie, wenn jemand „überhaupt nicht mehr weiß, wer er wirklich ist“?

Tscha… Und nu sprach das Gnu?

Diese Woche habe ich einen meiner Klienten, der mit dem Gefühl struggelte, „sich selbst verloren zu haben“ einem Impuls folgend mit dieser Frage konfrontiert (nein, nicht mit dem Gnu-Satz ):

Was wäre, wenn es nicht darum ginge zu wissen, wer du bist… sondern darum, dich zu entscheiden, wer du sein WILLST?

Lass die Frage gerne mal AUF DICH wirken….

Natürlich wie immer gerne auch mit Stift und Zettel #journaling oder beim Waldspaziergang … oder im Kopfstand. Egal

Folge der Freude und vergiss nicht…

Life is too short to be boring!

Love,
C.